Forschung zum Thema:

Der Themenkomplex „Gewalt gegen Polizeibeamt*innen“ war schon vielfältiger Forschungsgegenstand (u.a. Jäger 1991, 1994; Falk 2000; Ohlemacher et al. 2003; von Ey 2010; Jager et al. 2013). Die Studien in diesem Bereich kommen dabei zu überwiegend übereinstimmenden Befunden bezüglich typischer, objektiver Merkmale von Übergriffsituationen. Die von Gewalt betroffenen Beamt*innen sind überwiegend männlich, größer und schwerer als ihre Kolleg*innen und tendenziell jüngeren (Dienst-)Alters. Auf Seiten der Täter*innen dominieren ebenfalls meist männliche, jüngere Erwachsene. Sie handeln häufig alleine, in zahlreichen Fällen stehen sie auch unter dem Einfluss von Alkohol und sind bereits polizeilich in Erscheinung getreten. Die Situation, in der ein Übergriff stattfindet, ereignet sich zumeist im öffentlichen Raum und in den Abend- und Nachtstunden am Wochenende. Der Einsatzanlass bezieht sich dabei überwiegend auf Situationen, in denen die Polizei aktiv regulierend eingreifen muss, bspw. im Rahmen von Festnahmen, der Überprüfung von Personen, aber auch bei inner- und außerfamiliären Streitigkeiten, hierbei insbesondere Einsätze, die im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt stehen. Die Art des Angriffs ist überwiegend durch „einfache“ körperliche Gewalt geprägt – Übergriffe unter dem Einsatz von Waffen sind dagegen eher selten. (Ellrich, Baier, Pfeiffer 2012)

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie, die sich der Betrachtung von Übergriffen auf Einsatzkräfte von Rettungsdienst und Feuerwehr widmet. Bei den Täter*innen handelt es sich fast ausschließlich um männliche Personen zwischen 20 und 39 Jahren. Die Mitarbeiter*innen bei den Feuerwehren sind wesentlich weniger von Gewalt im Einsatzgeschehen betroffen im Vergleich zu den Einsatzkräften des Rettungsdienstes. Hier stammen die meisten Täter*innen aus dem Patientenkreis, sodass die Rettungskräfte überwiegend bei der Diagnosestellung bzw. während der Behandlung Opfer eines Übergriffs werden. Vergleichbar zu den Übergriffen auf die Polizei stehen die Täter*innen häufig sichtbar unter dem Einfluss von Alkohol und die meisten Übergriffe finden auch bei Rettungskräften und der Feuerwehr in Abend- und Nachtstunden sowie an den Wochenenden statt. Im Gegensatz zur Polizei lassen sich bei den Berufsgruppen Rettungskräfte und Feuerwehr allerdings keine Merkmale bei den Betroffenen ausmachen. Das Alter, das Geschlecht, die Diensterfahrung spielt hier eine untergeordnete Rolle. (Feltes/Weigert, 2018)

Forschungen im Hinblick auf das bürgerliche Gegenüber stellen meist die äußerlichen Merkmale, wie Alter, Geschlecht und subjektive Merkmale wie Tatmotivation aus Sicht der befragten Beamt*innen dar. Die Zahl der Studien, die einen Perspektivwechsel vornehmen und die Sichtweisen der Täter*innen betrachten, ist gering und beschäftigen sich fast ausschließlich mit den Übergriffen auf Polizeibeamt*innen. Die wenige Forschung, die sich diese Sichtweise vornimmt, zeigt eine Diskrepanz auf, die auf eine unterschiedliche Wahrnehmung von Täter- und Opferperspektive hinsichtlich des Übergriffs auf Polizeibeamt*innen hindeuten. Auslöser des Übergriffs scheint weniger eine polizeifeindliche Einstellung als vielmehr tendenziell eher eine besondere Empfindlichkeit und Kränkung in Bezug auf den eigenen Status zu sein. So wird der begangene Übergriff als eine Kompensation für den als Unterwerfung beziehungsweise als Demütigung empfundenen Einsatz dargestellt. Das Verhalten der Beamten im Vorfeld, insbesondere die Kommunikation, wird als negativ und provozierend wahrgenommen. (Steffes-enn 2012; Liebers 2012)

Das Interaktions- und Kommunikationsverhalten ist folglich als ein Einflussfaktor zu betrachten, der die Gewaltbereitschaft steigert (Hermanutz 2013, 2015) und damit das Risiko einer Viktimisierung erhöhen kann. Vor dem Hintergrund, dass einem Übergriff in der Regel eine Kommunikation vorausgeht (Falk 2000; von Ey 2010; Ellrich et al. 2012), bedarf damit dieser Prozess einer besonderen Aufmerksamkeit.

Bisher existieren keine Studien, die die Auswirkungen der geänderten Vorschriften der §§ 113 ff. StGB in der Strafrechtpraxis untersuchen. Die Betrachtung der derzeitigen Erkenntnisse, beispielsweise der Umstand, dass eine Vielzahl der Täter*innen von Übergriffen unter Alkoholeinfluss stehen, spricht eher gegen eine Reduzierung der Übergriffe durch die Strafschärfung. Auch die Auseinandersetzung mit der Perspektive der Täter*innen fand bisher nur rudimentär statt, stattdessen lag das Hauptaugenmerk auf der Perspektive der Geschädigten. Dies führt dazu, dass sowohl die subjektiven Merkmale auf Seiten der Interaktionspartner als auch die individuelle Dynamik des Übergriffs lediglich einseitig erfasst wurden. Diese und weitere Forschungslücken sollen durch das aktuelle Forschungsprojekt geschlossen werden.

Literatur

Ellrich, K., Baier, D., & Pfeiffer, C. (2012). Polizeibeamte als Opfer von Gewalt: Ergebnisse einer Befragung von Polizeibeamten in zehn Bundesländern. Baden-Baden: Nomos.

Ellrich, K.; Baier, D. (2014): Gewalt gegen niedersächsische Beamtinnen und Beamte aus dem Einsatz- und Streifendienst. Zum Einfluss von personen-, arbeits- und situationsbezogenen Merkmalen auf das Gewaltopferrisiko. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN).

Falk, E. (2000). Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Ein Praxisbezogenes Forschungsprojekt (Texte Nr. 25). Villingen-Schwenningen: Hochschule für Polizei.

Feltes, T.; Weigert, M. (2018): Gewalt gegen Einsatzkräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste in Nordrhein-Westfalen. Abschlussbericht. Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft Ruhr-Universität Bochum.

Hermanutz, M. (2013): Polizeiliches Auftreten – Respekt und Gewalt. Eine empirische Untersuchung zum Einfluss verbaler Kommunikation und zum äußeren Erscheinungsbild von Polizeibeamten auf die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Hermanutz, M. (2015): Gewalt gegen Polizisten sinkender Respekt und steigende Aggression? Eine Beleuchtung der Gesamtumstände. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Hermanutz, M., Grünbaum, B., Spitz, S., Spöcker, W., & Özyurt, J. (2014). Der Einfluss von verbaler Kommunikation und äußerem Erscheinungsbild von Polizeibeamten auf die Gewalt-bereitschaft von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In: C. Lorei (Hrsg.), Eigensicherung und Schusswaffeneinsatz bei der Polizei. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis 2013, S. 115-126. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.

Jäger, J. (1988): Gewalt und Polizei. Theoretisch-empirische Beiträge zur Kriminologie des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und zur Konfliktforschung (Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung, Bd. 6), Pfaffenweiler.

Jäger, J. (1994): Angriffe auf Polizeibeamte 1992, Münster.

Jager, J., Klatt, T.; Bliesener, T. (2013). Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Die subjektive Sichtweise zur Betreuung und Fürsorge, Aus- und Fortbildung, Einsatz-nachbereitung, Belastung und Ausstattung. Abschlussbericht. Institut für Psychologie Christian Albrechts Universität zu Kiel.

Liebers, D. (2014): Gewalt gegen Polizeibeamte aus Täterperspektive. Eine qualitative Täterbefragung mit unterstützender Aktenanalyse. Holzkirchen: Felix Verlag.

Manzoni, P. (2003). Gewalt zwischen Polizei und Bevölkerung. Einflüsse von Arbeitsbelastungen, Arbeitszufriedenheit und Burnout auf polizeiliche Gewaltausübung und Opfererfahrungen. Zürich: Rüegger.

Ohlemacher, T.; Rüger, A.; Schacht, G.; Feldkötter, U. (2003): Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und –beamte 1985 – 2000. Baden-Baden: Nomos.

Steffes-enn, R. (2012): Polizisten im Visier. Eine kriminologische Untersuchung zur Gewalt gegen Polizeibeamte aus Tätersicht. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft.